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Finance Business Next 2020: Produktanbieter beschleunigen Wandel der Finanzbranche

Immer mehr neue Player betreten das Terrain der Finanzdienstleister, alteingesessene Player schlagen ungeahnte Wege ein, weitere Player treten überraschend in den Markt ein und überflügeln andere. Keine Frage: Wir sind aktuell Zeuge davon, wie die Geschichte der Finanzdienstleister neu geschrieben wird. Die fundamentalste Änderung wird darin bestehen, dass Produktanbieter (Hersteller und große Handelsorganisationen) in zunehmendem Maße als Anbieter von Finanzdienstleistungen agieren.

1. Der eigentliche Umbruch steht noch bevor

Filialsterben als Sinnbild für den Abschied von der „alten“ Finanzwelt

Zugegeben, es klingt etwas gewagt, einer Branche, die schon seit Jahrzehnten massiven Umstrukturierungen unterworfen ist, zu bescheinigen, dass der wirklich gravierende Umbruch erst bevorsteht. Schließlich verschwinden nach wie vor täglich Bankfilialen und das Übernahmekarussell dreht sich immer weiter. Innovationsdruck, Kostendruck, Kundenwandel, Globalisierung, Regulierungsprozesse, sinkende Margen – allesamt Parameter, mit denen sich die Finanzdienstleistungsbranche seit Jahrzehnten auseinandersetzen muss.

Das Filialsterben als eine schon länger andauernde Konsequenz der Disruption will nicht aus dem Rampenlicht der Öffentlichkeit verschwinden: Aktuell bestimmt das anstehende Filialsterben bei den Sparkassen die Schlagzeilen. Konnten sie sich mit einer konservativen Haltung noch gegen viele der negativen Auswirkungen der Finanzkrise 2008 stemmen, macht ihnen nun ein weiteres Phänomen zu schaffen: die lang andauernde Niedrigzinsphase. Die Filialnetze der Sparkassen (und auch der Genossenschaftsbanken) werden durch diese Einflussfaktoren weiter ausgedünnt.

FinTechs als Sinnbild für die Wachablösung durch die „neue“ Finanzwelt

Umgekehrt konzentriert sich das öffentliche Interesse auf den scheinbar unaufhaltsamen Erfolg der FinTechs. Im Jahr 2015 ist eine große Anzahl an Studien zum Thema „FinTech“ erschienen. Schon jetzt steht fest, dass viele Branchen-Events im Jahr 2016 das Thema „FinTech im Zusammenspiel mit Banken“ beleuchten.

Ausblick 2020: Finanzbranche wird massiv durch Produktanbieter beeinflusst

Filialsterben einerseits und FinTech andererseits – dieser Gegensatz baut ein Spannungsfeld auf, das erahnen lässt, mit wie viel Dynamik bei der Disruption in der Finanzbranche zu rechnen ist. Dennoch sehen wir hier nur die Spitze des Eisbergs. Vielmehr verstehen wir diese Entwicklungen für die Finanzbranche als Vorzeichen einer weitaus stärkeren und schnelleren Umstrukturierung, die in Kürze in Gang gesetzt wird. Dahinter verbirgt sich der Trend, dass Produktanbieter, d. h. Hersteller und Händler, in zunehmendem Maße Finanzdienstleistungen in ihre Wertschöpfungsketten integrieren. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Ob die Produktanbieter ein Engagement in der Finanzbranche als Service-Bestandteil integrieren (z. B. Payment) oder als Beachhead-Strategie für eine weitere Durchdringung des Bankengeschäfts wählen (wie es manche Autobanken vorgemacht haben), ist an dieser Stelle unerheblich. Der Weg, den die Produktanbieter gehen, ist höchst individuell. Fest steht aber, dass sie es in verstärktem Maße tun werden.

2. Gründe

Drei Trendbeschleuniger treffen auf drei starke Trends und sorgen für Tipping Points

Dass Hersteller und Handelsorganisationen deutlich stärker am Geschäft mit Finanzprodukten teilnehmen werden, führen wir auf drei Trends und ebenso viele Trendbeschleuniger zurück. Die drei Trends zeichnen sich teilweise schon seit Jahrzehnten verstärkt ab. Auch wenn diese dem Finanzmarkt schon seit Längerem Akteure aus dem Produktmarkt zuführen, blieben sie bislang unter dem Aspekt der Disruption der Finanzbranche erstaunlich unbemerkt. Die Trends sind:

  1. Trend: weg vom reinen Produktanbieter hin zum vollstufigen Serviceanbieter
  2. Trend: stetig wachsende Bedeutung des Online-Handels
  3. Trend: globaler Kampf der Big Brands um die Vorherrschaft bei der Emotion von Konsumenten

Spätestens seit 2015 sind drei Phänomene hervorzuheben, die als Trendbeschleuniger wirken und die in Gang gesetzte Bewegung verstärken. Diese sind:

  1. Trendbeschleuniger: Das Auftauchen der FinTechs sorgt für einen „PR-Effekt“
  2. Trendbeschleuniger: „Silicon Valley Banking“ sorgt für Handlungsdruck
  3. Trendbeschleuniger: Die jüngst erklommene Evolutionsstufe der ITK-Systeme für Finanzgeschäfte sorgt für einen Aha-Effekt

Im Folgenden ist der Tipping-Point-Effekt grafisch dargestellt:

Bild1 2020

Die genannten Trends, Trendbeschleuniger und deren Zusammenspiel werden im Folgenden näher erläutert.

Die drei Trends

Trend 1: Vom Hersteller zum Serviceanbieter

„Ich will eine warme Wohnung und keine Heizung.“ Diese scheinbar widersprüchliche Aussage steht metaphorisch für den Sinneswandel, der in den Köpfen der Menschen stattfindet. Er beschreibt die Entwicklung, dass Menschen vermehrt danach streben, eine Leistung zu nutzen, anstatt ein Produkt zu besitzen.

Ein prominentes Beispiel ist der Umgang der Digital Natives mit dem Wirtschaftsgut „Kfz“. Für viele Generationen davor handelte es sich um einen erstrebenswerten Besitz, ja fast um ein Heiligtum (gerade in Deutschland). Die neue Generation interessiert sich für diesen Besitzaspekt jedoch kaum. Sie will (unterstützt durch das Smartphone) auf einfache und kommode Art und Weise von A nach B gelangen. Auf diesen Sinneswandel reagiert die Wirtschaft entsprechend: Für Hersteller und Handel steht nicht mehr der Verkauf der Waren und Leistungen im Vordergrund, sondern der möglicherweise lebenslange Service unter Berücksichtigung von Finanzierungen. Aus diesem Grund drängen immer wieder Unternehmen aus der „Produktwelt“ in die „Finanzwelt“.

Aktuelle Beispiele sind die Gründungen der Airbus Group Bank im Jahr 2015, der Trumpf Bank sowie der Sony Financial Services im Jahr 2014. „Airbus-Konzern startet eine eigene Flugzeug-Bank“ titelte 2015 die Welt [1]. Scheinbar über Nacht erwarb Europas führender Luftfahrtkonzern mit der Übernahme der kleinen Salzburg München Bank AG die Möglichkeit, ins Bankgeschäft einzusteigen.

Trend 2: Internetbasierter Warenaustausch nimmt weiter zu

Kommt ein Kunde in ein Geschäft, kann er dort persönlich (bar oder bargeldlos) bezahlen und die Ware in der Regel gleich mitnehmen. Findet das Geschäft jedoch nicht persönlich statt, sondern online, ist dieser Austausch „Geld gegen Ware“ nicht mehr ohne weiteres möglich. Somit kommt der Lösung zweier Kernfragen Bedeutung in einem Maße zu, die man beim Live-Geschäft nicht hat: einerseits im Hinblick auf die Logistik (Lagerhaltung, Versand), andererseits hinsichtlich der Bezahlung.

Rund um den Themenkomplex Bezahlung stellen sich Herausforderungen, die vor allem mit der Kreditfinanzierung und damit zusammenhängenden Fragen der Beauskunftung und Kreditwürdigkeit in Verbindung stehen. Diese Themen mit bester Usability zu lösen, ist ein Must Have für jeden Onlineanbieter. Wer sie nicht löst, hat keine Chance, seine Produkte online auf den Markt zu bringen. Dieser markante Stellenwert bedingt eine Entscheidung des jeweiligen Anbieters, inwieweit er sich dem Thema in welcher Form nähert. Wie stark möchte er am Geschäft partizipieren und es kontrollieren? Verspricht er sich etwas von Services und Markengedanken? Durch die weiter steigende Bedeutung des Onlinehandels steigt somit auch die Zahl der Händler, die eine Integration von Finanzdienstleistungen in die Wertschöpfungsketten prüfen werden.

Trend 3: Globaler Kampf der Markengiganten um die emotionale Vorherrschaft bei Konsumenten

Ein großer Vorteil lag schon immer darin, den Kunden in dem Moment bedienen zu können, in dem er einen Bedarf hat. Das Momentum des Kundenkontakts haben die Produktanbieter schnell erkannt. Dies führte zum Siegeszug der POS-Finanzierung, wie sie aus den Autohäusern, Möbelkaufhäusern, Küchenstudios oder Elektromärkten nicht mehr wegzudenken ist. In heutigen Zeiten muss man den Gedanken des Kundenkontakts um das Thema Marke erweitern. Eine Marke wirkt dabei unabhängig von Ort oder Branche als massiver Vertrauensvorschuss, sozusagen als positives Vorurteil.

Die Markenrankings werden international von den Technologie-Unternehmen (allen voran Google), in Deutschland von den Kfz-Herstellern, allen voran BMW, angeführt. Denkbar ist, dass diese starken Marken den Wunsch entwickeln, auch in anderen Branchen erfolgreich zu sein. Ob dies möglich ist, d. h. ob eine solche Marke auch isoliert als Finanzdienstleister Wettbewerbsvorteile erzielen kann, wird sich herausstellen. Um das Geschäft aber erfolgreich im Sinne des Service-Gedankens abschließen zu können, dafür reicht der Markenimpuls in der Regel.

Die drei Trendbeschleuniger

Trendbeschleuniger 1: Verstärktes Auftreten von FinTechs sorgt für PR-Effekt

Das Jahr 2015 war das Jahr der FinTechs. Viele Studien beschäftigen sich mit ihren Erfolgen und fragen sich, wie die Bankenbranche darauf reagieren soll. Ob sich die FinTechs nun durchsetzen werden oder nicht, ist für unsere Einschätzung aber nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass sie für Öffentlichkeitsinteresse sorgen. Sie zeigen anderen Branchen, dass es eben doch Wege gibt, die scheinbar unüberwindbaren Regularien zu umgehen bzw. mindestens vorteilhaft zu interpretieren. Sie zeigen anderen Branchen auch, wie offen die Menschen hinsichtlich alternativer Formen der Versorgung mit Finanzdienstleistungen sind. Sie sorgen sozusagen für einen „PR-Effekt“ im Bezug auf das Vorhaben, am Finanzdienstleistungsgeschäft zu partizipieren. Dies führt dazu, dass sich massiv Player aus der Produktwelt in Richtung Finanzwelt wagen werden. Sie folgen dem Megatrend, die Wertschöpfungskette hin zu den Services auszudehnen.

Trendbeschleuniger 2: „Silicon Valley Banking“ sorgt für Handlungsdruck

Ein weiterer Trendbeschleuniger kommt ebenfalls aus dem Hochinnovationsbereich. Bei den relevanten Akteuren handelt es sich um die schon bekannten Riesen: Apple, Google, Amazon und Co. In den letzten Jahren sind Silicon Valley Unternehmen in vielen Branchen derart dominant geworden, dass genauestens verfolgt wird, wie diese mit dem Thema Finanzdienstleistungen umgehen, was Google Bank oder Apple, Amazon, PayPal und Co. machen. Seit Jahren ist bekannt, dass Google eine Banklizenz besitzt. Wann, wie und wo wird das Unternehmen diese einsetzen? Neben den FinTechs liegt hier der zweite große PR-Effekt, der anderen Riesen aus weniger im Rampenlicht stehenden Branchen signalisiert, dass die Mitwirkung im Finanzdienstleistungssektor ein lohnenswertes Unterfangen sein könnte.

Dieser PR-Effekt könnte sich sogar noch stärker entfalten, wenn man die schiere Marktmacht und Experimentierfreude der großen Player ins Kalkül zieht. Google schickt Satelliten ins Weltall, baut autonome Maschinen und Roboter. Wer will behaupten, dass Facebook demnächst nicht eine umfassende Kreditauskunft geben kann, die einer Schufa bedrohlich wird? Die Tech-Giganten sind flexibel und agieren unglaublich schnell. Letztere sind die beiden Eigenschaften, die die Finanzdienstleistungsbranche, allen voran in Deutschland, nicht unbedingt auszeichnet. Der PR-Effekt bringt also Handlungsdruck mit sich.

Trendbeschleuniger 3: Neue Evolutionsstufe bei ITK-Systemen sorgt für Aha-Effekt

Der Sektor der Finanzdienstleistungen, v. a. der Banken und Versicherungen, ist traditionell eine Branche mit hohen Wettbewerbshürden. Ursächlich hierfür ist die immer wieder diskutierte Regulatorik, aber auch die fachliche und prozessuale Komplexität. Dass Unternehmen aus dem Nicht-Finanzsektor angesichts dieser Komplexität bei gegebenem Geschwindigkeitsgebot überhaupt darüber nachdenken können, in das Finanzdienstleistungsgeschäft einzusteigen, liegt an der Macht und Reife der ITK-Systeme. Hier wurde eine neue Evolutionsstufe erreicht: Noch nie war es möglich, das komplette Geschäft rund um die Finanzierung so einfach und modular über das Internet für alle Channels zu tätigen. Entscheidend ist, dass über die Jahrzehnte Pools an Modulen und Bausteinen gewachsen sind, die über das Internet beliebig miteinander verschaltet werden können. Schnelle Rollouts sind nun möglich.

Verstärkend kommt hinzu, dass sogenannte Business Services immer beliebter werden: Es handelt sich um agile IT-Bausteine, die einzelne Business Services abbilden. Sie können in kürzester Zeit (die Projektdauer beträgt in der Regel eins bis drei Monate) in bestehende IT-Landschaften integriert werden. Diese Fast Integration Business Services sind dabei in der Lage, sich weitgehend automatisiert in die unterschiedlichsten Landschaften zu integrieren. So können sie beispielsweise große Standard-ERP-Systeme ebenso wie Komplettlösungen von Banken, wie es z. B. die afb Credit Management Solution (afb-CMS) sein kann, ergänzen. Lesen Sie hierzu das Solution Paper der afb Application Services AG (afb) „Fast Integration Business Services: Enabling Digital Disruption“ unter www.afb.de.

Angesichts der hier nur kurz skizzieren Möglichkeiten wird klar: Beschäftigt man sich mit der Materie und hat die strategische Entscheidung getroffen, ins Finanzdienstleistungsgeschäft einzusteigen, so stellt man fest, dass man dies auch sehr schnell machen kann. Dies sorgt für einen Aha-Effekt.

3. Das Finance-Business-Szenario 2020 aus Insider-Sicht

Angesichts des bevorstehenden Wandels für die Branche der Finanzdienstleister stellt sich die Frage, welches Gesamtszenario im Jahr 2020 zu erwarten ist. Hierfür haben wir die fünf wichtigsten Perspektiven beleuchtet.

Die Player: Traditionelle Finanzdienstleister, FinTechs und Produktanbieter ringen um Marktanteile

Der wichtigste Aspekt des Szenarios ist der, dass sich die Landschaft der Player stark verändern wird. Es ist wie so oft, wenn etwas bis dato Unbekanntes auftaucht. Während sich Experten noch streiten, welche Bedeutung die neue Bewegung haben könnte, hat der Kunde sein Urteil bereits gefällt.

So war es z. B. bei der Social-Media-Welle und so scheint es auch bei der FinTech-Bewegung zu sein: Zu Beginn wurden sie nicht wahrgenommen und dann belächelt. Die klassischen Anbieter konnten sich hinter Regulatorien zurückziehen. Doch eine unaufhaltsame Kraft seitens der FinTechs hat sie weiter auf den Plan gerufen. Heute ist man bereits in der nächsten Phase: Geprüft werden Kooperationen, Übernahmen, der Markt bereinigt sich usw. Dies alles sind Anzeichen, die darauf hindeuten, dass man sich mit diesen Anbietern verstärkt wird arrangieren müssen. Dazu gesellen sich die Tech-Giganten. Die folgende Grafik skizziert die künftig relevanten Player.

Finance Business Next - Player

Angesichts dieser Konstellation ist es verständlich, dass in den Besprechungszimmern traditioneller Finanzdienstleister – allen voran bei Banken – intensiv beratschlagt wird, wie mit der Situation umzugehen ist. Aktuell ist im Markt vorwiegend die Kooperationsstrategie zu beobachten, jedoch finden sich auch für die Konflikt-, Investitions-, und Akquisitionsstrategien prominente Belege. Welche Strategie sich durchsetzen wird, ist aus heutiger Sicht schwer zu prognostizieren. Fest steht aber, dass das aktive Management dieser Fragestellung ein wesentliches Handlungsfeld in den nächsten fünf Jahren sein wird.

Geschäftsfelder: Insbesondere das Geschäft mit „produktnahen“ Finanzprodukten wird neu verteilt

Ein Nebeneffekt in einer digitalisierten Welt ist, dass Lieferung und Zahlung nicht mehr als Live-Transaktionen / Präsenzgeschäft stattfinden. Folglich stellt sich die Frage nach Zahlungsmittel, Bonitätsprüfung und Finanzierungsmöglichkeit. Daher sind insbesondere die Bereiche der Absatz- und Einkaufsfinanzierung sowie des artverwandten Factoring vom Wandel betroffen. Gerade den FinTechs trauen Experten zu, Geschäftsfelder der produktnahen Finanzierung nachhaltig zu verändern, d. h. hier für echte Disruption zu sorgen [2].

Ergänzend zu den eingangs erwähnten Finanzierungsthemen im Folgenden weitere wichtige Bereiche des Finanzdienstleistungsgeschäftes, die von Unternehmen außerhalb des traditionellen Finanzdienstleistungssektors ins Visier genommen werden:

  • Geldanlage
  • Zahlungssysteme
  • Versicherung
  • privater Geldtransfer
  • mobiles Bezahlen
  • Rechnungsstellung
  • Online-Identifizierung
  • Finanzmanagement
  • Spenden

(Employer) Branding: Wettlauf um Emotion und Innovation

Emotion und Innovation sind heute die Faktoren, die Marken aufbauen. Das manifestiert sich in den Listen der globalen Brands, welche durch die Internet-Giganten angeführt werden. Da diese Unternehmen bedingt durch das Kerngeschäft nahe am Thema Innovation sind, haben sie einen enormen Vorteil und es fällt ihnen leichter, entsprechende Emotionen zu transportieren. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Erfolg der FinTechs: Obwohl Geld eine höchst konservative Angelegenheit ist und Menschen hier traditionellen Marken eher vertrauen müssten, geben sie FinTechs diese große Chance, allen voran die Digital Natives. Dies ist ein Beweis dafür, wie stark das Thema Innovation, verpackt in die richtige Emotion („einfach“, „sympathisch“, „neu“, „digital“, „smart“, „schnell“, „flexibel“, „bescheiden“), wiegt. Hier haben auch traditionelle Anbieter in Deutschland einen Vorteil, gerade wenn ihre Produkte als innovativ gelten, siehe BMW. Unabhängig von der Art der Produkte, die sie herstellen, haben sie eine lange Tradition im professionellen Markendenken.

An Innovation und Emotion wird wohl auch für die klassischen Finanzdienstleister kein Weg vorbeiführen. Sie werden versuchen, ihre Marken mit Innovationskraft und Emotion aufzuladen. Schon jetzt ist dies in den neuen Werbekampagnen der deutschen Geschäftsbanken zu beobachten. Unabhängig davon, dass Werbung immer auch den Zeitgeist abbildet, sind dies Faktoren, die sich über alle Branchen hinweg etabliert haben.

Bei der Beurteilung der Lage ist die Bewegung zum Employer Branding nicht zu unterschätzen. Die gleichen Werte (Emotion und Innovation), die für den Markenaufbau so zentral sind, gelten auch verstärkt für den Kampf um die Young Talents. Schließlich werden in Zukunft auch die Produktanbieter Fachleute mit Finanz-Know-how benötigen. Und umgekehrt werden Banken nach innovativen Informatikern oder Ingenieuren Ausschau halten.

Lieferanten und Vernetzung: Langfristige Vernetzung mit Gesamtdienstleistern erweist sich als Gebot der Stunde

„Linked and Liquid“ bleibt weiter das Gebot der Stunde. Schon heute dominieren flexible Netzwerke die Landschaft. Eine Kernkompetenz der Player im Finanzmarkt wird es auch zukünftig sein, schnell Netzwerkverbindungen aufzubauen und diese ebenso rasch wieder lösen zu können.

In diesem Zusammenhang wird es eine große Herausforderung für die Player im Finanzdienstleistungsmarkt sein, die Ebene zu justieren, auf der man sich langfristig vernetzen will. Dies ist bei der Lieferantenauswahl ein wichtiges Kriterium und deshalb sollten dabei auch die Effekte der Digitalisierung antizipiert werden. Dies wird insbesondere in der Lieferantenstruktur für die Bereiche IT und Consulting sichtbar. Über Jahrzehnte hinweg war es für Finanzdienstleister selbstverständlich, Softwarelösungen bei entsprechenden IT-Anbietern zu beziehen, Strategien, Innovationen oder Optimierungen dagegen mit Beratungsunternehmen durchzuführen. Berücksichtigt man die Geschwindigkeit, mit der die Digitalisierung die Prozesse erobert, dann wird die Herausforderung schnell deutlich: Wer kann es sich heute und in Zukunft leisten, Strategien zu entwerfen, die nicht in kürzester Zeit in den Prozessen und Systemen automatisiert werden? Zukunftsfähig ist also eine Vernetzung mit Dienstleistern, die Veränderungen von der Strategieebene über die Prozessebene bis hin zur IT-Systemebene ohne Reibungsverluste und in Hochgeschwindigkeit transportieren können.

Dabei sollte insbesondere auch die Innovationskomponente integriert werden. Denn der Schlüssel ist und bleibt die Veränderung getrieben durch die Innovation! Die Unternehmen müssen dafür sorgen, dass Innovationen schnell auf den Markt transportiert werden. Wir sehen hier eine zunehmende Entwicklung hin zum BITP (Business Innovation und Transformation Partner), da es diese Dienstleister verstanden haben, die Innovationskomponente in ihr Outsourcing-Portfolio im Sinne des Kunden zu integrieren. afb ist ein führender, europaweit agierender Gesamt-Dienstleister (BITP). Wir optimieren und digitalisieren Prozesse von Herstellern, Vendoren, Finanz- und Service-Dienstleistern und steigern deren Innovationskraft. Das erreichen wir mit einem kunden- und projektspezifischen Mix aus Prozess-, Fach- und IT-Beratung, vollstufigen Business Solutions und modularen Business Services, Projekten, Applikations- und Infrastrukturbetrieb, Business Process Management und Outsourcing. Mehr Informationen finden Sie unter www.afb.de.

Geschäftsprozesse und IT: Zwei Geschwindigkeiten bestimmen das Geschehen

Die im vorigen Punkt genannten Entwicklungen erhalten eine besondere Brisanz, wenn man den Ist-Zustand vieler Finanzdienstleister im IT-Umfeld betrachtet. Klassische Finanzdienstleister haben das Problem, dass sich in ihren Backoffices teilweise stark veraltete Systeme befinden. Diese „IT-Friedhöfe“ abzuschaffen ist gar nicht so einfach, also bleiben sie über Jahrzehnte erhalten. Andererseits sind aber auch diese Dienstleister darauf angewiesen, z. B. Internetangebote oder Apps zu entwickeln, um auf die Wünsche des Konsumenten reagieren zu können. Hier sind die Entwicklungs-, Test- und Rolloutzyklen um ein Vielfaches schneller.

Der Umgang mit dieser bimodalen IT ist eine echte Herausforderung. Oftmals ist es kaum möglich bzw. wenig lohnend, IT-Personal aufzubauen, das sich mit beiden Varianten auskennt. Die Vernetzung mit Dienstleistern, die beide Welten beherrschen, ist der einzig sinnvolle Weg. Hier haben es neue Marktteilnehmer leichter: Sie haben keine veralteten Backoffice-Finanzsysteme und kommen aus der Welt der schnellen IT. Diese können sie nun ergänzen mit modernen und voll parametrisierten Modulwelten.

Aber auch für die traditionellen Finanzdienstleister eröffnen sich aktuell Möglichkeiten, die bis dato nicht zur Verfügung standen: Die Zukunft der Informationstechnologie liegt in leichtgewichtigen, agilen Services. Sie bieten die Chance, mit digitaler Innovation zu begeistern. Das Zeitalter der Großprojekte geht über in ein Zeitalter der Assemblierung bzw. Orchestrierung von Fast Integration Business Services. Diese Services verbinden sich per Fast Integration mit bestehenden und zukünftigen ERP-Systemen. Die Konfiguration der Services erfolgt online, Workflows und Regeln können durch den Nutzer gestaltet und angepasst werden. Die Integration (In-/Output-Daten) der agilen und innovativen Services erfolgt über eine Enterprise Service Bus (ESB) Technologie (Business Integration Acceleration Hub). Die Projektlaufzeiten sind um ein Vielfaches kürzer als bei klassischen IT-Großprojekten: Es handelt sich um Projekte von ein bis drei Monaten Dauer.

Die um Dimensionen verkürzten Projektlaufzeiten machen auf Anhieb evident, weshalb diese neue Evolutionsstufe auf dem IT-Sektor so wertvoll für klassische Finanzdienstleister ist: Indem Finanzdienstleister auf diese agilen, flexibel einsetzbaren Einheiten zugreifen und in ihre Welt integrieren können, gleichen sie den größten Vorteil aus, den die aggressiven FinTechs bis jetzt für sich verbuchen: Geschwindigkeit und Agilität.

Es wird eine spannende Zeit und die traditionelle Bankenwelt hat alles andere als eine Verschnaufpause in dem rasanten Veränderungsprozess zu erwarten. In der Öffentlichkeit wird die Stimmung angeheizt: Der Finanzdienstleister- und Bankenwelt, wie sie sich heute darstellt, werden düstere Zeiten prophezeit. Umgekehrt werden gerade die FinTechs mit vielen Vorschusslorbeeren bedacht. Aber auch bei Vernachlässigung dieser Schwarzweißmalerei bleiben die Herausforderungen für die traditionellen Finanzdienstleister erheblich. Aus der Perspektive eines Bankmanagers ist es daher mehr als gerechtfertigt, den hier skizzierten Themen kritisch nachzugehen. Dennoch ist unseres Erachtens auch Optimismus angebracht: Traditionelle Finanzdienstleister haben in vielen Geschäftsfeldern noch die Nase vorn. Vor dem Hintergrund der hier geschilderten Errungenschaften der IT-Welt haben sie alle Karten in der Hand, ihre Vorteile so schnell auszubauen, dass die Angreifer in vielen Geschäftsfeldern schwer Fuß fassen können.

1 Die Welt 2015. Airbus-Konzern startet eine eigene Flugzeug-Bank URL: http://www.welt.de/wirtschaft/article136102324/Airbus-Konzern-startet-eine-eigene-Flugzeug-Bank.html
2 Der Bank Blog (2014). Neue Gefahr für Retail-Banken oder nur eine Nische? Fintech-Startups im Kreditbereich. URL: https://www.der-bank-blog.de/neue-gefahr-fuer-retail-banken-oder-nur-eine-nische/trends/12965/

Enrico Moritz

Autor:

Enrico Moritz

afb Application Services AG

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