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Factoring: ein expandierendes Marktsegment zwischen Regulierung und Digitalisierungspotentialen

Factoring gewinnt als Finanzierungsalternative zunehmend an Beliebtheit – nicht nur bei großen Finanzdienstleistern, sondern insbesondere bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Die Gründe hierfür liegen einerseits in den vielfältigen Vorteilen des Factorings, andererseits in der zunehmenden Regulatorik des Kreditgeschäfts. Allerdings besteht in Bezug auf geeignete, innovative Lösungen zur Abwicklung des Factoringgeschäfts noch Informationsbedarf. Da im Factoring eine große Menge an Informationen und Belegen anfällt, bietet vor allem das Dokumenten-Management großes Optimierungspotential. Branchenplattformen, wie z. B. der erste IT-Tag des BFM Bundesverband Factoring für den Mittelstand e.V., fördern Austausch und Wissenstransfer und liefern hilfreiche Ansatzpunkte.

Factoringmarkt: ein Wachstumsmarkt mit Nachholbedarf

Der Factoringmarkt entwickelt sich mit überdurchschnittlichen Wachstumsraten. Die Umsätze der Mitglieder des Deutschen Factoring-Verbandes stiegen im ersten Halbjahr 2016 trotz des anhaltenden Niedrigzinsumfeldes um weitere 4 Prozent auf 104,51 Mrd. Euro an [1]. Factoringanbieter sind meistens KMU, die außergewöhnlichen, teils sogar existentiellen Herausforderungen gegenüberstehen. Wenn es gelingt, die KMUs über die Vorteile von Factoring aufzuklären, besteht nochmals erhebliches Potential. Laut dem BFM Bundesverband Factoring für den Mittelstand e.V. besteht diesbezüglich bei 75 Prozent der KMU Nachholbedarf.

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Quelle: BFM Bundesverband Factoring für den Mittelstand (2016). BFM Factoring Studie 2017 [2]

Verbandsinitiativen: Vermittlung zwischen Regulierung und Innovation

Branchenverbände haben es sich zur Aufgabe gemacht, Entwicklungsarbeit zu leisten. Sie nehmen die Interessenvertretung ihrer Mitglieder wahr und fördern mit geeigneten Initiativen den Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch zu aktuellen Themen und Herausforderungen. Engagierte Verbände im Bereich Factoring sind beispielsweise der Bundesverband Factoring für den Mittelstand (BFM) und der Deutsche Factoring-Verband (DFV) sowie der Bankenfachverband (BFACH) und der Bundesverband Deutscher Leasing-Unternehmen (BDL).

Ein Schwerpunkt der inhaltlichen Arbeit dieser Branchenverbände liegt auf der stetig zunehmenden Regulatorik. Die KMU benötigen in diesem Bereich Schützenhilfe, da die Regularien, die von den Anforderungen an große, internationale Finanzdienstleister abgeleitet werden, immer mehr auch die KMU belasten, ohne deren Fähigkeiten oder Risikoprofil sachgerecht zu würdigen.

Des Weiteren bieten die Verbände ihren Mitgliedern zusätzliche Mehrwerte, z. B. indem sie geeignete Plattformen für den gegenseitigen Austausch zu aktuellen Themen organisieren. Daher erfahren auch Initiativen wie der erste IT-Tag des BFM, der am 28. März 2017 in Hamburg stattfand, großen Zuspruch. Dieser Tag zeigte pragmatische Lösungsansätze für die Geschäftsführer der Branche auf. Im Kern ging es darum, wie man

  • auf verändertes Kundenverhalten reagiert,
  • mit modernen Services die Transparenz über Forderungsbestände erhöht,
  • der Entstehung papiergebundener Prozesse durch sogenannte Early-Scan-Verfahren entgegenwirkt und
  • Portallösungen zum effizienten Dokumentenhandling nutzt.

Basis der Digitalisierungspotentiale: IT der zwei Geschwindigkeiten

Die aktuellen Diskussionen über moderne Architekturen bei Factoringlösungen verdeutlichen die technologischen Herausforderungen bestehender Systeme. Historisch gewachsene Kernanwendungen decken die aktuellen Marktanforderungen oft nicht mehr vollumfänglich oder nur sehr kostenintensiv ab. Gefragt sind heute Anwendungen, die sich schnell und flexibel an neue Anforderungen anpassen lassen. Dieser scheinbare Widerspruch lässt sich durch eine sogenannte bimodale IT bzw. IT der zwei Geschwindigkeiten lösen. Altbewährte Legacy-Systeme tun weiterhin ihren Dienst, werden aber durch innovative Lösungen, insbesondere an der Kundenschnittstelle, ergänzt und liefern die dringend benötigte Agilität und Flexibilität.

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Quelle: afb


Marktplayer, die als Service Provider in der Lage sind, bestehende IT-Landschaften intelligent mit innovativen Lösungen zu verbinden, unterstützen Finanzdienstleister bzw. Factoringanbieter dabei, Prozesse neu zu denken und überzeugende Optimierungs- bzw. Digitalisierungspotentiale aufzudecken.

„Factoring digital“: vom Late-Scan- zum Early-Scan-Prozess

Die optimale Kombination von Prozessen und Technologien, insbesondere vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung, spielt in dem Geschäftsfeld Factoring eine bedeutende Rolle, da eine große Menge an Informationen und Belegen anfällt. Hier besteht im Bereich der Dokumentenverarbeitung sehr großes Optimierungspotential, trotz optischer Archive oder Dokumenten-Management-Systeme. Ansatzpunkte zur Optimierung liegen dabei nicht nur in der Prozessbearbeitung, sondern gegebenenfalls auch in den Prozessliegezeiten. Es gilt, was bereits seitens Carly Fiorina, ehemalige Chefin von Hewlett-Packard, postuliert wurde: „Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert“ [2].

Sogenannte Fast Integration Business Services wie der Advanced Digital Document Management verwandeln den heute existierenden Late-Scan-in einen Early-Scan-Prozess. Bislang papierbasiert eingehende Dokumente, wie z. B. Verträge oder Formulare, reicht der Kunde elektronisch ein. Der Business Service klassifiziert die Dokumente, extrahiert die Inhalte durch optische Texterkennung (OCR) und ordnet diese automatisch mittels intelligenter Mustererkennung zu. Flexible Schnittstellen zu bestehenden Enterprise-Content-Management-Lösungen / Dokumenten-Management-Systemen (ECM / DMS) ermöglichen eine schnelle Übertragung der digitalen Inhalte. In diesen Systemen werden die digitalen Inhalte strukturiert verwaltet und archiviert.

Die End-to-End Digitalisierung führt zu einer deutlich optimierten Durchlaufzeit und Flexibilität in der Erfassung, Speicherung und Kommunikation zeitkritischer Informationen. Die richtigen Informationen werden zur richtigen Zeit, im richtigen Format, in der richtigen Qualität, für den richtigen Adressaten, am richtigen Ort zur Verfügung gestellt und erleichtern dadurch den Bearbeitungsprozess. Die Verfügbarkeit von Informationen, sowohl intern als auch beim Kunden, verbessert sich deutlich. Die optimierte Interaktion und schnellere Reaktion wirken sich zudem positiv auf die Kundenzufriedenheit aus.

Weiteres Optimierungspotential im Rahmen der digitalen Dokumententenverarbeitung besteht hinsichtlich des Signature Managements. Die elektronische Unterschrift ist seit Mitte 2016 aufgrund der neuen eIDAS-Verordnung auch für Anwendungsfälle möglich, die bislang der (papiergebundenen) Schriftform und einer persönlich zu leistenden Unterschrift bedurften, wie z. B. Kreditverträge. Die bisher entwickelten Verfahren sind noch nicht alle anwenderfreundlich, etablierte Anbieter entwickeln sich aber rasant weiter. Neue Anbieter, wie z. B. FinTechs, drängen in den Markt und beleben u. a. die Nutzung des neuen Personalausweises, dessen eID-Funktion ab Mitte 2017 standardmäßig eingerichtet sein soll. Dieser bietet zudem gegebenenfalls weitere Einsatzmöglichkeiten der Identifizierung und Authentifizierung [3].

Digitalisierungspotentiale ausschöpfen: Unterstützung durch den richtigen Partner

Die Herausforderung, auf neue Markanforderungen durch modular kombinierbare Services flexibel reagieren zu können und stets die Optimierungspotentiale und Weiterentwicklung des eigenen Geschäfts im Auge zu halten, bleibt auch zukünftig für Finanzdienstleister und Factoringanbieter bestehen. Die optimale Kombination von Prozessen und Technologien spielt dabei eine übergeordnete Rolle.

Finanzdienstleister bzw. Factoringanbieter sind gut beraten, sich von einem geeigneten Partner unterstützen zu lassen. Dieser sollte nicht nur konkrete Lösungen bieten, sondern auch über umfassendes Branchen- und Digitalisierungs-Know-how verfügen, geeignete Optimierungspotentiale identifizieren können und in der Lage sein, konkrete Lösungsvorschläge umzusetzen.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Lars Rüsberg

1 Deutscher Factoring-Verband e.V. (2016). Factoring: Wachstum trotz Niedrigzinsumfeld. URL: http://www.factoring.de/sites/default/files/20160824%20-%20Factoring%20Wachstum%20trotz%20Niedrigzinsumfeld_0.pdf
2 Computerwoche (2016). Unternehmensführung in Zeiten des Tech-Tornados. URL: https://www.computerwoche.de/a/unternehmensfuehrung-in-zeiten-des-tech-tornados,3221748,4
3 Deutscher Bundestag (2017). Disput über elektronischen Personalausweis. URL: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2017/kw17-pa-inneres-id/502660

Dr. Lars Rüsberg

Autor:

Dr. Lars Rüsberg

für afb Application Services AG

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