Zurück zur Übersicht

„CASE“ verändert auch das Geschäftsmodell der Autobanken

Die strukturellen Umbrüche in der Automobilwirtschaft, die unter dem Kürzel „CASE“ zusammengefasst werden, betreffen auch die Autobanken. Und zwar sowohl deren Kundenbeziehungen als auch bewährte Säulen des Geschäftes.

Für die Fahrzeughersteller war 2017 ein gutes Jahr. Das hat auch das Geschäft der herstellerverbundenen Autofinanzierer beflügelt, zumal die Bereitschaft der Kunden groß ist, die nächste Fahrzeuganschaffung über eine Kredit- oder Leasingfinanzierung zu tätigen. Aber wie geht es weiter? Die Automobilwirtschaft steht vor großen Umbrüchen unter den Themen „Connected“, „Autonom“, “Shared“, „Electric“ (CASE). Nachdem bereits neue Entwicklungen im Vertrieb und Marketing der Autobanken aufgezeigt wurden [1], sollen hier einige Auswirkungen auf ihr Geschäftsmodell zur Diskussion gestellt werden.

Wie entwickeln sich die Neuzulassungen?

Die Beratungsgesellschaft PwC geht davon aus, dass im Jahr 2030 rund 95 Prozent der neuzugelassenen Fahrzeuge zumindest teilweise elektrisch fahren werden [3].

Die geänderte Nutzungsart, die steigende Nutzungsintensität und ein schnellerer Innovationszyklus dieser Fahrzeuge lassen für die großen Märkte Europa, USA und China höhere Neuzulassungen als heute erwarten (vgl. Abbildungen). Damit ist die Basis für ein wachsendes Geschäftsvolumen der Finanzsparten der Hersteller gelegt.

Prognose PKW Bestand PKW Neuzulassungen

Quelle: PwC, Entwicklung des Bestandes und der Neuzulassungen von Pkw in Europa, USA und China

Was bedeutet das Wachstum für die Regulierung?

Wie alle Kreditinstitute müssen auch die Autobanken für das operative Geschäft zahlreiche Auflagen der Bankenaufsicht (BaFin) erfüllen. Darüber hinaus gibt es das Risiko der Systemrelevanz: Je größer ein Kreditinstitut, desto größer sind die Konsequenzen für die Volkswirtschaft, sollte das Institut in Konkurs gehen. Diesen Zusammenhang lehrt die globale Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2008/2009. Daher werden die systemrelevanten Autobanken, so etwa die Volkswagenbank, einer besonderen Überwachung durch die EZB unterworfen. Der damit verbundene höhere Regulierungsaufwand ist den Vorteilen einer Ausweitung des Geschäftes gegenüberzustellen.

Wie verändert sich das Kundenprofil?

Das veränderte Nutzerverhalten der Kunden macht die dauerhafte Anschaffung eines Automobils als Statussymbol weniger attraktiv. Stattdessen wählt der Kunde bei Bedarf eine passende, zeitlich begrenzte Mobilitätslösung. Hier greifen zunehmend Mietangebote entsprechender Fahrzeuge oder intermodale Kombinationen unterschiedlicher Verkehrsträger (Pkw, Fahrrad, Bus, Bahn, ÖPNV). Der Fahrzeugnutzer ist jetzt nicht mehr identisch mit dem Fahrzeugeigentümer. Dieser für die traditionelle Fahrzeugfinanzierung typische direkte Zusammenhang wird im CASE-Szenario abgelöst von der Mehrfachnutzung eines Fahrzeugs durch unterschiedliche Kunden. Es werden nur Kosten für die tatsächliche Nutzung des Services nach Kilometerleistung und/oder Zeitdauer berechnet. Eigentümer der Fahrzeuge sind private oder gewerbliche Eigentümer mit einem entsprechend großen Fuhrpark. Diese Entwicklung wird die Risikostrukturen im Vertragsportfolio der Finanzierer verändern. Statt vieler überschaubarer Individualrisiken sind nunmehr weniger, aber größere Flottenrisiken zu managen. Diese Effekte werden sich sowohl auf die Ausgestaltung des CRM – Großkunde statt Einzelkunde – als auch auf die Annahmeentscheidung der Bank (Gefahr des Klumpenrisikos), die Konditionengestaltung und das notwendige Risikokapital zur Abfederung unerwarteter Kreditausfälle auswirken. Die Beispiele des Ride-Sharing (Uber, Lyft) und des Carsharing (Car2Go, DriveNow) machen deutlich, dass neue vor allem digitale Angebote notwendig sind, um die Präferenzen der Nutzer zu erfahren und ihre Loyalität zu gewinnen.

Welche Dienstleistungen sind gefragt?

Schon heute haben die autonahen Dienstleistungen, wie Kfz-Versicherungen und Serviceverträge, eine prominente Position im Produktprogramm der Autobanken. So etwa die Flatrate-Angebote, die dem Kunden eine bessere Planung seiner Mobilitätskosten ermöglichen. Die zunehmende Vernetzung und Digitalisierung vor allem der selbständig fahrenden Fahrzeuge erschließen hier weitere Wachstumschancen. Im CASE-Szenario wird die komfortable Ausgestaltung der Fahrgastzelle wichtiger als die PS-Zahl des Motors; das vernetzte Fahrzeug funktioniert vor allem als technische Plattform für neue digitale und telematische Dienste während der passiven Fahrzeit des Fahrers. Dazu gehören Kommunikation und Datenaustausch etwa für Büro- oder Entertainment-Anwendungen, wie Videokonferenzen oder das Streaming von Präsentationen, Musik oder Filmen. So ist der Prototyp der Firma Byton bereits mit einem Touchscreen von 1,24 mal 0,25 Meter ausgerüstet. Die Einführung des 5G-Standards im Mobilfunk, verbunden mit einer integrierten Telematik-Schnittstelle auf Grundlage der sogenannten „eCall-Technology“ wird diese Entwicklungen beschleunigen. Dann könnten die pauschalen Mietgebühren für das Fahrzeug sowohl die Kosten der automobilen Mobilität, als auch der Nutzung etwa von Spotify- oder Netflix-Angeboten abdecken. Denkbar sind in diesem Umfeld auch minutengenaue Echtzeit-Abrechnungen für fahrerspezifische Kfz-Versicherungen nach dem Prinzip „Pay-as-you-drive“, sofern der Nutzer damit einverstanden ist.

Quelle: Byton.com. Den Innenraum des Prototyps von Byton dominiert ein großer Touchscreen

Wer ist der wirtschaftliche Eigentümer?

Die über Kredit oder Leasing finanzierten Fahrzeuge schlagen sich in der Konzernbilanz der Hersteller als Forderungen an Kunden und als vermietete Fahrzeuge nieder. Ende 2016 hatte das automobile Bankgeschäft bei einigen Herstellern bereits einen Anteil an der Bilanzsumme von mehr als 50 Prozent (vgl. Tabelle).

Quelle: Geschäftsberichte der Unternehmen; eigene Zusammenstellung


Zusätzliches Geschäftsvolumen würde das industrielle Autogeschäft im Bilanzausweis weiter zurückdrängen. Zur Begrenzung dieser Volumen-Effekte in der Bilanz wäre die Einbindung konzernexterner Investoren in unterschiedlichen Konstellationen denkbar, etwa über Kooperation oder Beteiligung, wie bei PSA oder FCA bereits praktiziert. Zu lösen wären dann Fragen nach der Ergebnisaufteilung zwischen den Partnern und dem Zugriff auf Kundendaten. Dieser Ausweg erscheint immer dann attraktiv, wenn die Bonitätseinschätzungen der Ratingagenturen es nicht zulassen, das automobile Bankgeschäft im Herstellerkonzern mit Top-Konditionen zu refinanzieren.

Wie verändern sich die Restwerte?

Eine treffende Prognose des Fahrzeugwertes am Ende der Vertragslaufzeit und ein effizientes Management des damit verbundenen Vermarktungsrisikos sind Kernkompetenzen der Autobanken. Sie sind Voraussetzung für die Kalkulation attraktiver Finanzierungs- oder Leasingraten. In Ergänzung der typischen Restwerttreiber, wie Alter, Kilometerleistung und Fahrzeugzustand, sind im CASE-Szenario zusätzliche Einflussgrößen zu berücksichtigen, die aus dem elektrifizierten Antrieb, den rechnergesteuerten Komponenten und den vielfältigen digitalen Anwendungen resultieren. Denn sie unterliegen schnelleren Innovationszyklen als der traditionelle Fahrzeugbau. Eine nachlassende Speicherkapazität der Batterie oder eine überholte Software-Anwendung mindern den Fahrzeugrestwert. Zu prüfen wäre, inwieweit im Rahmen der telematischen Vernetzung Over-The-Air-Updates zur Stabilisierung des Wertverlustes beitragen können.

Die aufgeführten Beispiele verdeutlichen, dass sich die Finanzsparten der Hersteller dem Paradigmenwechsel in der Automobilwirtschaft nicht entziehen können. Zur Fortsetzung der Erfolgsstory sind neben neuen Produktideen und veränderten Managementmethoden auch technische Innovationen in den Geschäftsprozessen notwendig. Wer immer noch nicht die Ablösung der großrechnerbasierten Altsysteme abgeschlossen hat, muss damit rechnen, von den agilen, zukunftsorientierten FinTechs überholt zu werden.

Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Frank Stenner

1 Stenner, Frank (2013). Das Restwertrisiko in der Fahrzeugfinanzierung. Risikomanager, 10/2013, S. 11-13
2 Stenner, Frank (2018). Diesel im freien Fall. kfz-betrieb 7/2018, S.20-21
3 PWC (2017-2018). Five trends transforming the Automotive Industry. URL: www.pwc.com/gx/en/industries/automotive/assets/pwc-five-trends-transforming-the-automotive-industry.pdf

Prof. Dr. Frank Stenner

Autor:

Prof. Dr. Frank Stenner

Autor und Herausgeber, Handbuch Automobilbanken – Finanzdienstleistungen für Mobilität

Kommentare
Kommentar verfassen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um Ihnen das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen