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Von der Automatisierung über das Internet der Dinge bis zum vernetzten Ecosystem

Die „Economy of Things“, eine betriebswirtschaftliche Sicht auf das Internet der Dinge, beschreibt die Konsequenzen der Verschmelzung von digitaler und physischer Welt zu einem Hybrid aus physischen Produkten und digitalen Services. Neue Geschäftsmodelle, neue Überlegungen zu Privacy und Security sowie neue Infrastrukturen für die klassischen Hardware-dominierten Europäische Industrien sind die Folge.

Der Wissenschaftler Prof. Dr. Elgar Fleisch, Lehrstuhlinhaber an der Universität St.Gallen und der ETH Zürich, erläutert im Interview spannende Aspekte zum Internet of Things. „Was das Internet der Dinge mit uns und unserer Wirtschaft macht“ ist der Titel seiner Keynote auf dem 5. afb Market and Innovation Event.

Lassen sich die technologischen Möglichkeiten, die unter dem Begriff „Internet der Dinge“ diskutiert werden, mit einer neuen betriebswirtschaftlichen Sicht besser verstehen? Sie sprechen von Economy of Things.

Economy of Things ist ein etwas markiger Begriff. Das ist keine völlig neue Welt, sondern eine Evolution. Die Economy of Things ist eine Weiterentwicklung in Bereichen, in denen die Dinge gewisse Regeln einprogrammiert bekommen und ‚selber‘ entscheiden können. Das gibt es schon länger, das ist Teil der Automatisierung.

Ein gutes Beispiel ist das Anti-Blockier-System (ABS) beim Auto. Sie haben früher vielleicht in der Fahrschule noch die Stotterbremse gelernt. Da musste der Mensch ein wenig ABS spielen. Da ein Computer das Blockieren der Räder viel genauer misst, als ein Mensch das kann, kann er auch fein granularer agieren. Das ist ein Management-Regelkreis. Heute löst der Fahrer das ABS nur initial aus, indem er voll auf das Bremspedal tritt. Die Feinsteuerung zwischen bremsen, messen, loslassen und wieder bremsen erfolgt automatisch – das macht alles der Computer. Diese Art der feinen Regelkreise gibt es heute immer häufiger. Spannend ist, dass die Dinge ihre Leistungen und Services miteinander verrechnen. Das ist der Grund, warum man das Economy of Things nennen kann.

Vor vier Jahren haben Sie auf dem afb Market and Innovation Event einen Vortrag gehalten, mit dem Titel „Geschäftsmodellinnovation und IT – wie neue IT Unternehmen und Kundenbeziehungen verändert“. Dabei erwähnten und erläuterten Sie das Internet of Things. Hand auf´s Herz: Haben Sie die Bedeutung des Internet of Things damals richtig vorhergesehen?

Das ist eine interessante Frage. Wir beschäftigen uns seit dem Jahr 2000 mit dem Thema, wie die digitale und die physische Welt zusammenwachsen oder verschmelzen. Das war zunächst etwas skurril. Denn damals war die Internetblase gerade geplatzt und wir haben behauptet, dass jedes Ding über das Internet vernetzt wird. Aus einer ökonomischen Sicht kann ich sagen, dass die weitere Entwicklung mich kaum überrascht hat. Die groben Trends, wo der Nutzen liegt, wo es völlige Übertreibungen gibt, was technisch oder betriebswirtschaftlich gar nicht funktionieren kann – diese Punkte waren relativ klar. Unerwartet war, dass in den letzten zwei, drei Jahren ein Hype um das Internet der Dinge entstanden ist. Diese Form der Übertreibung empfinde ich als störend. Das ähnelt der Internetblase zu Anfang des Jahrtausends: Erst gab es die Euphorie, dann haben alle das Thema schlecht geredet, aber heute ist das Internet wichtiger als je zuvor.

Daher erwarte ich jetzt auch beim Internet of Things eine Phase mit wenig stichhaltigen Kritikpunkten, wie beispielsweise dem Argument damit könne niemand Geld verdienen. In der Realität gewinnt das Internet of Things weiter an Bedeutung.

In Ihrem Vortrag 2014 und in einem Interview aus dieser Zeit [1] sagen Sie, dass sich der Erfolg einzelner Anwendungen im Internet of Things nicht prognostizieren lässt. Gilt diese schwierige Vorhersehbarkeit auch für neue Geschäftsmodelle in der Economy of Things? Wenn dem so ist, was empfehlen Sie Unternehmen? Abwarten, bis klarer ist, welche Idee funktioniert? Oder ausprobieren, mit dem Risiko des Scheiterns?

Aus der Technologieforschung haben wir gelernt, dass wir die Technologie relativ gut prognostizieren können: Wir können sagen, was ein Chip in fünf Jahren kann. Wir können aber nicht vorhersehen, was der Mensch mit der Technologie macht, also wie die Anwendung der Technologie sein wird. Und wir wissen nicht, welche Anwendung funktionieren wird. Weder das Internet, wie wir es kennen, noch alle Anwendungen im Internet von Twitter bis Facebook, wurden prognostiziert. Darum bin ich bescheiden. Ich behaupte, dass jeder, der öffentlich sagt wie die Welt in 20 Jahren aussieht, eine bestimmte Motivation hat.

Ich glaube die einzige Möglichkeit, die es gibt, ist das kluge Ausprobieren. Also nicht wild agieren und Geld verschwenden, sondern klug ausprobieren.

Ist es also eine gute Idee, dass viele große Unternehmen Innovations-Labs aufbauen, um das Internet of Things auszuprobieren?

Wenn diese Labs richtig geführt sind und wenn das Wissen richtig ins Unternehmen kommt, dann ist das genau der richtige Weg: Probieren in häufigen, kleinen, kostengünstigen Zyklen. Das, was nicht funktioniert, weglassen und das, was funktioniert, wachsen lassen. Das ist vergleichbar mit dem Züchten von Rosen.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen dem Internet of Things und so genannten Ecosystems?

Wenn die Dinge beginnen, sich zu vernetzen, ist eine zwingende Konsequenz, dass sie sich über die Branchengrenzen hinweg vernetzen. So ist es beim einfachen Beispiel des vernetzten Autos, das selber parken kann. Diese Fähigkeit wird damit sofort relevant für die Nutzung der Parkinfrastruktur. Jedoch besitzt der klassische Autobauer keine Parkplätze oder Parkhäuser, er muss also mit den Besitzern der Parkinfrastruktur zusammenarbeiten. Aus einem selbstfahrenden Auto wird wahrscheinlich relativ schnell ein Robo-Taxi, einfach aus ökonomischen Gründen, denn dann ist die Auslastung viel höher und damit sinkt der Preis für die einzelne Fahrt. Ein klassischer Autobauer ist jedoch kein Robo-Taxi-Unternehmer, er wird also mit diesen zusammenarbeiten oder selber ein Taxi-Unternehmen starten.

Was ich sagen will: Je vernetzter die Dinge werden, desto mehr branchenübergreifende Lösungen wird es geben. Das funktioniert nur, wenn verschiedene Unternehmen zusammenarbeiten und das nennt man Ecosystem.

Das Internet of Things macht die Wirtschaft noch globaler. Was würden Sie interessierten Entscheidern raten, um sich über die neuesten Entwicklungen bei der Verschmelzung von digitaler und physischer Welt zu informieren? Eine Reise in die USA, ins Silicon Valley, oder besser nach China? Und wenn das Reisebudget nur für Europa reicht, was wäre dann Ihre Reiseempfehlung?

Ob die Wirtschaft durch das Internet of Things globaler wird, weiß ich nicht. Aber Reisen bildet, das ist richtig. In den USA finden sich sehr erfolgreiche Unternehmen in der rein digitalen Welt. Wir alle verwenden ja jeden Tag fast ausschließlich US-amerikanische Internet-Services. Die Anbieter versuchen, daran physische Services anzubinden. In Europa gibt es ,Weltmeister‘ in der physischen Welt, etwa im Maschinenbau oder im Automobilbau. Diese Unternehmen tun alles, um in die digitale Welt zu wachsen. China lernt in einem Schwung von Amerika das Digitale und von Europa das Physische. Insofern sind alle drei Destinationen interessant.

Um sich über das Internet of Things zu informieren, muss man nicht zwingend ins Silicon Valley fahren. Da sind Berlin, Zürich oder Israel auch sehr spannend. Ein Blick nach Asien ist immer gut. Der Technologieglaube dort ist viel größer und Privacy viel weniger wichtig als hier. Deswegen gehen die Entwicklungen in Asien aktuell schneller.

Die Investitionen der Unternehmen in IT Security steigen. Und auch Privatleute sorgen sich um den Schutz ihrer persönlichen Daten. Welche Risiken resultieren aus dem Internet of Things? Inwieweit ist eine Skepsis gegenüber den neuen technologischen Möglichkeiten begründet?

Risiken existieren immer und mit jeder neuen Technologie gibt es neue Risiken. Das gilt auch für das Internet of Things. Das ist ein sehr ernstzunehmendes Thema und zwingender Bestandteil eines jeden Entwicklungsprojektes.

Es gibt ein Privacy Paradoxon: Wenn die Anwender befragt werden, ob ihnen Privacy wichtig sei, dann sagt die Mehrheit: Ja, total wichtig. Aber auch Anwender, denen die Gefahren bekannt sind, handeln so, als wäre ihnen Privacy egal.

Können Sie uns bitte dasjenige Beispiel für die Verschmelzung von digitaler und physischer Welt verraten, welches Sie am meisten fasziniert? Sei es, weil es eine Branche verändert hat, sei es, weil sie persönlich sehr davon profitieren, sei es, weil der Erfolg – oder Misserfolg – sie völlig überrascht hat.

Vielleicht zunächst eher etwas Triviales: Ich hätte nicht gedacht, wie schnell es völlig normal geworden ist, dass es zu vielen Produkten für Endverbraucher eine App gibt. Jede vernünftige Heizung oder ein modernes Lichtsystem wird heute mit einer App zur Steuerung ausgeliefert. Davon profitiere ich, wenn ich aus der Ferne in meinem Haus die Heizung herauf- oder herunterregele sowie das Licht an- oder ausschalte. Die Selbstverständlichkeit der Anwendung und die Verbreitung solcher Apps sind für mich überraschend.

Zweite Überraschung für mich sind die Fortschritte in der Medizin bei der Kombination von digitaler und physischer Welt. Das Stichwort ist „Digitale Pille“. Darauf werde ich in meinem Vortrag auf dem afb Market and Innovation Event näher eingehen.

Darauf freuen wir uns sehr. Herzlichen Dank für das Gespräch.

Auf dem 5. afb Market and Innovation Event am 17. Mai 2018 präsentiert Prof. Dr. Elgar Fleisch eine Keynote zum Thema „Economy of Things: Was das Internet der Dinge mit uns und unserer Wirtschaft macht“.

1 https://www.siemens.com/innovation/de/home/pictures-of-the-future/digitalisierung-und-software/internet-der-dinge-interview-fleisch.html

Bildquelle: @© littlestocker / Fotolia.com

Prof. Dr. Elgar Fleisch

Autor:

Prof. Dr. Elgar Fleisch

Professor für Informations- und Technologiemanagement an der Universität St.Gallen (HSG)

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