Einkaufsfinanzierung

Was ist Einkaufsfinanzierung?

Hersteller oder Händler sind heute mit der Kundenanforderung konfrontiert, dass neben einer Live-Präsentation der Produkte am Point of Sale auch kurze Lieferzeiten erwartet werden. Trotz der zunehmenden Bedeutung des Onlinehandels und sich stetig verbessernder Möglichkeiten zur Onlinepräsentation, wie z. B. Probefahrten mithilfe von Virtual Reality [1], bleibt es für viele Käufer von hochwertigen Gütern (z. B. Auto, Küchen, Möbel) wichtig, das Objekt der Begierde live begutachten und anfassen zu können.

Aus diesem Grund müssen in vielen Branchen entsprechende Lagerbestände vorgehalten werden. Sie binden liquide Mittel und verursachen Finanzierungskosten. So ist in der Automobilbranche der Kapitaleinsatz pro Objekt je nach Fabrikat und Ausrichtung des Händlers besonders hoch.

Um die durch Einkauf/Lagerhaltung verursachte Mittelbindung sowie die Kapitalkosten zu optimieren, kann der Handel entsprechende Finanzierungen in Anspruch nehmen. Vor diesem Hintergrund spricht man bei Einkaufsfinanzierung auch von Lagerfinanzierung. Auch andere Begriffe wie Waren- oder Händlereinkaufsfinanzierung werden in der Praxis synonym verwendet.

Varianten der Einkaufsfinanzierung

Klassische Einkaufsfinanzierung

Die klassische Einkaufsfinanzierung funktioniert im Prinzip wie folgt: Es wird ein Rahmenvertrag zwischen dem Händler und der finanzierenden Einheit (zum Beispiel einer Bank) geschlossen. Je nach Einkaufsfinanzierungsprogramm wird dem Händler ein Zahlungsziel eingeräumt, das i. d. R. zwischen mindestens 90 Tagen und bis zu 720 Tagen liegt. Das Einkaufsfinanzierungsvolumen richtet sich nach dem Gesamtwert des Lagers. Es wird mit einer bestimmten Quote (zum Beispiel 80 %) beliehen. Diese Kapitalzufuhr in Verbindung mit dem langen Zahlungsziel sorgt dafür, dass der Händler die Ware am Markt verkaufen kann, idealerweise bevor die Fälligkeit der Einkaufsfinanzierung eintritt. Die Rückzahlung erfolgt nach dem Fälligkeitsdatum ratierlich. Somit wird die Liquidität für den Einkauf sichergestellt.

Die auf Objektfinanzierung spezialisierten Banken (z. B. Captives, Spezialbanken) bieten Einkaufsfinanzierungsprogramme innerhalb einer Palette von Dienstleistungen an. So können sich beispielsweise Synergie-Effekte in Form von Zinsersparnissen ergeben, wenn Einkaufs- und Absatzfinanzierung miteinander gekoppelt werden. Die Spezialbanken bieten in der Regel weitergehende Services an, beispielsweise eine Unterstützung bei der Verwaltung von Sicherheiten. Des Weiteren sorgen die Finanzierer dafür, dass das organisatorische Zusammenspiel zwischen diesen Prozessen beim Händler verbessert wird. Sie verfügen i. d. R. über entsprechende IT-gesteuerte Automatismen, die sie den Händlern zur Verfügung stellen.

Einkaufsfinanzierung als Reverse-Factoring

Auch auf dem Gebiet des Factorings existieren mittlerweile Spielarten, die der Einkaufsfinanzierung zugeordnet werden. Anstatt wie bei den klassischen Factoring-Varianten diejenigen Forderungen zu kaufen bzw. zu finanzieren, die bei einem Unternehmen aufgrund des Absatzes von Leistungen entstehen, zielt das sogenannte Reverse-Factoring auf die Lieferantenseite des Unternehmens. Betrachtungsgegenstand sind also nicht die Forderungen des Factoring-Kunden, sondern seine Lieferantenverbindlichkeiten. Aus diesem Grund nennt man dieses „umgekehrte“ Factoring-Verfahren auch Reverse- oder Lieferanten-Factoring. An dieser Stelle soll nur auf die Existenz dieser Finanzierungsform verwiesen und anhand folgender Grafik kurz veranschaulicht werden:

Einkaufsfinanzierung - Reverse Factoring

Abb. 1: In Anlehnung an: Wagner, Stefan: Ablauf Reverse-Factoring


Anbieter dieser Form der Einkaufsfinanzierung sind vor allem die Factoring-Spezialisten. Auch sie können ihren Factoring-Partnern einen erweiterten Service anbieten und Synergie-Effekte freisetzen, wenn das Reverse-Factoring mit klassischen Factoring-Varianten kombiniert wird [2].

Einkaufsfinanzierung als Finetrading

Der Einkaufsfinanzierung dient auch die in Deutschland noch junge Erscheinungsform des Finetradings. Finetrading bedeutet nichts anderes als „Zwischenhandel“. Zwischen die Beziehung Händler und Lieferant tritt dabei ein weiteres Unternehmen als Zwischeninstanz. Entsprechend lautet die Definition von Finetrading bei Wikipedia: „Finetrading ist eine Dienstleistung, die Unternehmen, die Waren oder Rohstoffe für ihre Produktion oder Leistungserbringung benötigen, ein professionelles Outsourcing des Einkaufs ermöglicht. Dabei agiert der Dienstleister (Finetrader) einerseits als Zwischenhändler, weil er die Ware auf Geheiß des Warenkäufers erwirbt und andererseits als Finanzierer, weil er dieses Handelsgeschäft vorfinanziert, bis ihn der Warenkäufer bezahlt.“ [3]

Zum Themengebiet Finetrading finden sich viele detaillierte Abhandlungen im Web. An dieser Stelle geht es nur um den Hinweis auf die Existenz des Finetradings im Rahmen der Einkaufsfinanzierung. Die Funktionsweise wird nur in ihren Grundzügen anhand der folgenden Grafik schematisch dargestellt:

Einkaufsfinanzierung - Fine Trading

Abb 2: In Anlehnung an: Wikipedia: Ablauf Finetrading

Bedeutung und Vorteile der Einkaufsfinanzierung

Alternative Finanzierungsformen wie Einkaufsfinanzierung bzw. Finetrading erfreuen sich wachsender Beliebtheit [4]. Diese resultiert nicht zuletzt aus dem Umstand, dass der Kontokorrentkredit bei der Hausbank oder der Lieferantenkredit von immer weniger Unternehmen in Anspruch genommen werden können. Diese eigentlich über viele Jahrzehnte bewährten Finanzierungsinstrumente sehen sich in der letzten Dekade einer verstärkten Erosion ausgesetzt. Bankkredite als Einkaufsfinanzierungsinstrument sind aufgrund von Eigenkapitalvorschriften aus Basel II in Verbindung mit der Finanzkrise 2008 für Händler zunehmend teurer geworden [5]. Lieferantenkredite wurden ebenfalls unattraktiver, da in den letzten Jahren die Skontosätze gestiegen sind.

Die Vorteile der hier beschriebenen Varianten der Einkaufsfinanzierung sind im Allgemeinen folgende:

  • der Handel kann Skonti und Rabatte besser nutzen
  • eine größere Produktauswahl sorgt für besseren Absatz
  • der Kontokorrent wird entlastet
  • die Verhandlungsposition gegenüber der Hausbank verbessert sich
  • es kommt zu einem höheren Lagerumschlag und einer entsprechend höheren Verkaufsfrequenz

Einkaufsfinanzierung Branchen

Gewöhnlich kommt Einkaufsfinanzierung dort zum Tragen, wo Lager entstehen. Typischerweise wird Einkaufsfinanzierung in folgenden Branchen genutzt [6]:

  • Handel
  • Chemie
  • Maschinenbau
  • Druck & Medien
  • IT/EDV

Einkaufsfinanzierung in Zeiten der Digitalisierung

Angesichts der wachsenden Bedeutung des Online-Handels stellt sich die Frage, ob die Einkaufsfinanzierung auch im digitalen Zeitalter ihren Stellenwert behalten wird. Die Antwort ist eindeutig „ja“: Auch reine Online-Händler müssen auf die Kundenerwartung nach einer schnellen Lieferung reagieren. Auch in der Digitalen Welt spielt die Einkaufsfinanzierung eine wichtige Rolle. Grund sind sämtliche Player und Elemente, die für eine digitale Story kennzeichnend sind: Amazon, Fintech, Online-Bewertungen und Digital Customer Experience. Die Story der Einkaufsfinanzierung im digitalen Zeitalter sieht wie folgt aus:

Amazon-Händler (unabhängig davon ob Amazon-Seller oder Amazon-Vendor) haben folgendes Problem: Wenn es gut läuft und sich die Produkte gut verkaufen, ist das einerseits erfreulich. Andererseits ist eine zügige Nachlieferung wichtiger denn je. Dies hat mehrere Gründe: Kundenwünsche erfüllen, positive Bewertungen generieren, die Partnerschaft zu Amazon stärken und vor allem Umsatz maximieren. Das hiermit verbundene Finanzierungsproblem erinnert an das eingangs in diesem Artikel erwähnte Beispiel der Autohändler: Da es lange Zeit dauern kann, bis die Einnahmen auch wirklich auf dem Amazon-Händlerkonto verbucht werden, müssen Händler für einen erneuten Wareneinkauf in finanzielle Vorleistung gehen. Das Problem mit den Liquiditätsengpässen teilen Amazon-Seller wie auch Amazon-Händlern gleichermaßen. Gerade von den Amazon-Händlern wird seitens Amazon eine außerordentliche Schnelligkeit hinsichtlich Lieferfähigkeit und insbesondere großer Liefermengen abverlangt. Gleichzeitig beträgt das Zahlungsziel von Rechnungen gegenüber Amazon bis zu 90 Tage, welche erst einmal überbrückt werden müssen, wenn nebenbei Wareneinkäufe stattfinden sollen. Genau auf diesen Bedarf hat sich das FinTech amacash spezialisiert: Es bietet eine speziell auf Amazon-Seller und Amazon-Händlern zugeschnittene Einkaufsfinanzierung an [7].

1 Schwedes, Larissa (2017): Die Probefahrt bleibt analog (12.12.2017), https://www.esslinger-zeitung.de/region/stuttgart_artikel,-die-probefahrt-bleibt-analog-_arid,2167506.html
2 Wagner, Stefan (2008): Mit Reverse Factoring gezielt die Einkaufsfinanzierung optimieren, FLF 6/2008, http://www.factoring.de/sites/default/files/Wagner_FLF%206-08_S.281-282.pdf
3 In Wikipedia, Die freie Enzyklopädie: Finetrading, Bearbeitungsstand: 23.9.2017, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Finetrading&oldid=169365046
4 Autohaus (2015): Einkaufsfinanzierung für Händler floriert, Rubrik Kreditbanken (29.04.2015), http://www.autohaus.de/nachrichten/kreditbanken-einkaufsfinanzierung-fuer-haendler-floriert-1632956.html
5 Europäische Zentralbank (2010): Auswirkungen der Finanzkrise auf die Finanzwirtschaft: Lehren und Konsequenzen (4.10.2010), https://www.ecb.europa.eu/press/key/date/2010/html/sp101004.de.html
6 Elbe-Finanzgruppe (2017): Einkaufsfinanzierung – Die flexible Lösung für Ihren Einkauf, https://www.elbe-finanzgruppe.de/finetrading/finetrading-loesungen/einkaufsfinanzierung
7 Ottersbach, Thomas (2017): amacash: So unterstützt die neue Finanzierungslösung Amazon-Händler! (07.08.2017), https://www.ecommerce-vision.de/amacash-so-unterstuetzt-die-neue-finanzierungsloesung-amazon-haendler/

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